Das kleine Licht (Neal Donald Walch)

Es war einmal eine Seele, die sich als Licht erkannte. Es war eine sehr neue Seele und deshalb auf Erfahrung erpicht. „Ich bin das Licht“, sagte sie. „Ich bin das Licht.“ Doch all dieses Wissen und Aussprechen konnte die Erfahrung davon nicht ersetzen. Und in dem Reich, aus dem die Seele auftauchte, gab es nichts außer Licht. Jede Seele war großartig, jede Seele war herrlich und jede Seele erstrahlte im Glanz des Ehrfurcht gebietendem Lichts. Und so war diese kleine Seele eine Kerzenflamme in der Sonne. Inmitten des grandiosen Lichts – von dem sie ein Teil war – konnte sie sich selbst nicht sehen und auch nicht erfahren, wer-und-was-sie-wirklich-ist. Nun geschah es, dass diese Seele sich danach sehnte und verzehrte, sich selbst kennenzulernen. Und so groß war ihr Verlangen, dass Gott eines Tages zu ihr sagte: „Weißt du, Kleines, was Du tun musst, um Dein Verlangen zu befriedigen?“ „Oh, was denn, Gott? Was? Ich werde alles tun!“ sagte die kleine Seele.

„Du musst Dich vom Rest von uns trennen“, gab Gott zur Antwort, „und dann musst du für dich die Finsternis herbei beschwören“.
„Was ist Finsternis, o Heiligkeit?“ fragte die kleine Seele.
„Das, was du nicht bist“, erwiderte Gott und die Seele verstand.

Und so entfernte sie sich von Allem und machte sich sogar auf in ein anderes Reich. Und in diesem Reich hatte die Seele die Macht, sämtliche mögliche Formen von Finsternis in ihre Erfahrung zu rufen. Und das tat sie auch.
Doch inmitten all der Finsternis rief sie aus: „Vater, Vater, warum hast Du mich verlassen?“ So wie Ihr das auch in euren dunkelsten Zeiten getan habt. Doch Gott hat euch nie verlassen, sondern euch immer zur Seite gestanden, bereit, euch daran zu erinnern, wer-ihr-wirklich-seid; bereit, immer bereit, euch nach Hause zu rufen.

Seid deshalb der Finsternis ein Licht und verflucht sie nicht.
Und vergesst nicht, wer-ihr-seid in dem Moment, in dem ihr von dem umgeben seid, was ihr nicht seid. Und preist die Schöpfung, auch wenn ihr danach trachtet, sie zu verändern.
Und wisst, das das, was ihr in den Zeiten eurer größten Prüfungen tut, euer größter Triumph sein kann. Denn die von euch erschaffene Erfahrung ist eine Aussage darüber, was-ihr-seid und wer-ihr-sein-wollt.

Der zweite Teil der Parabel:

„Du kannst Dir aussuchen, was für einen Teil von Gott du sein möchtest“, sagte Gott zu der kleinen Seele. „Du bist absolute Göttlichkeit, die sich selbst erfährt. Welchen Aspekt der Göttlichkeit möchtest du nun als Dein Selbst erfahren?“
„Du meinst, ich habe die Wahl?“ fragte die kleine Seele. „Ja.“ antwortete Gott. „Du kannst Dir jeden Aspekt der Göttlichkeit aussuchen, den du in deinem als und durch dein Selbst erfahren möchtest.“

„Okay“, sagte die kleine Seele, „dann wähle ich Vergebung. Ich möchte mein Selbst als jenen Aspekt Gottes erfahren, den man vollkommene Vergebung nennt.“
Nun, das war keine geringe Herausforderung, wie man sich vorstellen kann. Es gab niemanden, dem man hätte vergeben können. Alles, was Gott geschaffen hat, ist Vollkommenheit und Liebe.

„Keiner, dem zu vergeben wäre?“ fragte die kleine Seele etwas ungläubig. „Keiner“, bestätigte Gott. „Schau Dich um. Siehst du irgendwelche Seelen, die weniger vollkommen, weniger wunderbar sind als du?“
Die kleine Seele wirbelte herum und sah sich zu ihrer Überraschung von allen Seelen im Himmel umgeben. Sie waren von fern und nah aus dem ganzen Reich gekommen, weil sie gehört hatten, dass die kleine Seele ein außergewöhnliches Gespräch mit Gott führte.

„Ich sehe niemanden, der weniger vollkommen wäre als ich!“ rief die kleine Seele. „Wem soll ich denn dann vergeben?“
Da trat eine andere Seele aus der Menge hervor. „Du kannst mir vergeben“, sagte die freundliche Seele.

„Ich werde in deinem nächsten physischen Leben zu Dir kommen und etwas tun, wofür du mir vergeben kannst“, erwiderte die freundliche Seele.
„Aber was? Was könntest du, ein Wesen so vollkommenen Lichts, tun, das ich vergeben sollte?“ erkundigte sich die kleine Seele.

„Oh“, gab die freundliche Seele lächelnd zurück. „Ich bin sicher, wir können uns da etwas einfallen lassen.“
„Aber warum würdest Du das tun wollen?“ Der kleinen Seele war es ein Rätsel, warum ein Wesen von so hoher Vollkommenheit tatsächlich etwas „Schlechtes“ tun wollte.

„Ganz einfach, ich würde es tun, weil ich Dich liebe“, erklärte die freundliche Seele. „Du möchtest dein Selbst als vergebend erfahren nicht wahr? Abgesehen davon, hast Du dasselbe für mich getan.“
„Das habe ich?“ fragte die kleine Seele.

„Natürlich. Erinnerst Du Dich nicht mehr? Wir sind alles davon gewesen, du und ich. Wir sind das Oben und Unten, das Linke und das Rechte davon gewesen. Wir waren das Hier und das Dort und das Jetzt und das Dann. Wir waren das Große und das Kleine das Männliche und das Weibliche, das Gute und das Schlechte davon. Wir alle waren das Alles davon. Und das taten wir aufgrund einer Vereinbarung damit jede von uns sich, wir alle uns, als den großartigsten Teil Gottes erfahren konnten. Denn wir haben verstanden, dass in der Abwesenheit dessen, was Du nicht bist, das, was Du bist, nicht ist.

In der Abwesenheit von kalt, kannst du nicht warm sein. In der Abwesenheit von traurig, kannst Du nicht glücklich sein, ohne ein Ding, das man „Böse“ nennt, kann die Erfahrung, die man das „Gute“ nennt, nicht existieren.
Wenn Du die Wahl triffst, etwas zu sein, dann muss irgend etwas oder irgend jemand im Gegensatz dazu irgendwo in deinem Universum auftauchen, um das zu ermöglichen.“

Dann erklärte die freundliche Seele, dass diese Wesen Gottes „Spezialengel“ und diese speziellen Umstände Gottes Geschenke sind.
„Ich bitte dich nur um eines im Austausch dafür“, sagte sie schließlich.
„Alles, was es auch sei!“ rief die kleine Seele.

Das Wissen, dass sie Erfahrung von jedem Aspekt Gottes machen konnte, machte sie ganz aufgeregt. Sie verstand nun den Plan. „in dem Augenblick, in dem ich dich schlage und peinige, in dem Moment, in dem ich dir das Schlimmste antue, das du dir je vorstellen kannst – genau in diesem Augenblick“, so sagte die freundliche Seele, „… solltest du dich daran erinnern, wer ich wirklich bin.“

„Oh, ich werde es nicht vergessen!“ versprach die kleine Seele. „Ich werde dich in all der Vollkommenheit erkennen, in der ich dich jetzt sehe, und ich werde mich immer daran erinnern, wer du bist.“
„Weißt du, ich werde mich so verstellen müssen, dass ich mich selbst vergessen werde. Und wenn du dich nicht erinnerst, wer ich wirklich bin, dann werde ich mich selbst für eine sehr lange Zeit auch nicht daran erinnern können.

Wenn ich vergesse, wer ich bin, dann kann es passieren, dass auch du vergisst, wer du bist.
Und dann sind wir beide verloren. Dann brauchen wir eine weitere Seele, die in unser Leben kommt und uns daran erinnert, wer wir wirklich sind.“

Doch die kleine Seele versprach noch einmal: „Nein, wir werden nicht vergessen, wer wir sind! Ich werde mich an dich erinnern! Und ich werde dir sehr dankbar dafür sein, dass du mir dieses große Geschenk machst – das Geschenk, dass ich erfahren darf, wer ich wirklich bin.“
Und so schlossen die beiden Seelen ihre Vereinbarung.

Die kleine Seele begab sich in ein neues Erdenleben.
Sie war ganz begeistert, dass sie das Licht war, das so besonders ist,
und sie war so aufgeregt, dass sie jener Teil des Besonderen sein durfte, der „Vergebung“ heißt.
Sie wartete begierig darauf, sich selbst als Vergebung erfahren zu können und der anderen Seele dafür danken zu dürfen, dass sie diese Erfahrung möglich gemacht hat. Und in jedem Augenblick dieses neuen Erdenlebens, wann immer eine neue Seele auftauchte, ob sie nun Freude oder Traurigkeit brachte – natürlich besonders wenn sie Traurigkeit brachte -, fiel der kleinen Seele ein, was Gott ihr einst mit auf den Weg gegeben hatte: „Denke stets daran“, hatte Gott mit einem Lächeln gesagt: „Ich habe dir immer nur Engel geschickt!“