Yoga Nidra

Text von TriYoga, Kali Ray:

(Tiefenentspannung) von shavasana zur Befreiung

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die meisten Menschen ständig angespannt sind. Forschungen belegen, dass viele Gesundheitsprobleme und früher Tod durch tief sitzende Spannungen in Körper und Geist verursacht werden. Die positiven Wirkungen körperlicher Entspannung bei gleichzeitigem bewussten zur Ruhe kommen des Geistes sind allgemein bekannt. Dennoch werden oft künstliche Mittel eingesetzt, um diese Entspannung herbeizuführen. Sie bewirken aber keine wirkliche, sondern nur eine oberflächliche Entspannung. In vielen Fällen dienen sie außerdem der Flucht vor den Ursachen für die Spannungen. Yoga Nidra dagegen löst systematisch die physischen, emotionalen und geistigen Spannungen und verstärkt den Fluss der Lebensenergie.

„Nur ruhig zu sitzen oder etwa Fernsehen zu sehen, ist nicht genug, Um physiologische Veränderungen hervorzurufen. Man muss eine Entspannungstechnik anwenden, die den gewohnten Gang der Gedanken aufbricht und die Aktivität des sympathischen Nervensystems vermindert.“

Dr. Herbert Benson von der Beth Israel Hospital Schule in Boston

Der Körper funktioniert optimal, wenn er entspannt ist. Dennoch gibt es viele Ursachen für Spannungen, zum Beispiel fehlende körperliche Bewegung, wiederkehrende gleichförmige Bewegungsabläufe, Umweltverschmutzung, mentaler Stress oder negative Emotionen. Hält man dieses Übermaß an Anspannung immer wieder zurück, wird es zur Gewohnheiten und blockiert den Energiefluss und das uneingeschränkte Funktionieren des Körpers. Die Energie fehlt dann nicht nur in einem Bereich. Da alles miteinander verbunden ist, muss auch an anderer Stelle im Körper Energie aufgebracht werden, um den Mangel auszugleichen. Mit dem Geist verhält es sich ebenso. Ist er angespannt, werden auch die mentalen Leistungen schwächer. Je tiefer die Spannungen liegen, desto nachteiliger wirken sie sich auf Körper und Geist aus.

Yoga nidra, die so genannte Tiefenentspannung, ist ein integraler Bestandteil von Hatha Yoga. Das Verhältnis von asana Praxis zu Yoga nidra kann mit dem von Nahrungsaufnahme und Verdauung verglichen werden. Traditionell wird Yoga nidra in dem Asana „Totenstellung“ ausgeführt. Man liegt entspannt auf dem Rücken und gibt sich der Erde und ihren heilenden Strömen hin, die Muskelanspannungen nimmt ab. Viele fühlen sich zum ersten Mal wohl in ihrem Körper, der sich bei tieferer Entspannung so leicht anfühlt, dass der feinstofflichen Körper und innere Bewusstseinszustände wahrgenommen werden.

Beim Eintreten in die feinstoffliche Wirklichkeit des Bewusstseins bleibt der Körper entspannt und der Beobachterstatus erhalten. Wenn sich physische Spannungen lösen, kann es passieren, dass emotionale und geistige Eindrücke (samskaras) in den bewussten Geist eintreten. Bleibt mein stiller Beobachter und identifiziert sich nicht länger mit den geistigen Inhalten, beginnen sich auch die Energie zehrenden Spannungen zu lösen. Auf diese Weise wird der Geist von Stress, Furcht, Angst, Wut und anderen Emotionen gereinigt.

Je mehr man sich entspannt, umso mehr dieser Emotionen werden aus dem unbewussten Geist geklärt. In einem entspannten Körper und ruhigen Geist haben Sie keinen Platz mehr. Sie hören auf, diesen Zustand der Unruhe zu verursachen. Sie scheinen sich in Luft aufzulösen und lösen einen Zustand der Ruhe aus.

Löst sich der Geist von falschen Emotionen, verschwindet auch das falsche Denken. Der Geist erlangt strahlende Klarheit. Er wird so weit wie der blaue Himmel, wird zum Gefäß höheren Wissens. Dies führt zu einer andauernden Entspannung im Leben und setzt die Energie frei, die für eine gute Lebensführung notwendig ist.

Man erreicht die Erfüllung des wahren Sinns seines Lebens (Dharma). Mit dem Erwachen des spirituellen Bewusstseins tritt wahre Entspannung ein. In einem ausgeglichenen geistigen Zustand spiegelt sich diese Balance in den Handlungen wider und der innere Aufruhr legt sich. Yoga Nidra ist das Tor zu einer solchen Dimension und Wirklichkeit.

In Sanskrit wird Schlaf  „nidra“ genannt. Bei dem Versuch, in Yoga nidra einzutreten, fallen viele in unbewussten Schlaf. Während des Schlafs entspannt sich der Körper in dem Maße, dass der Geist in den Traum und Tiefschlafphasen ruhig ist. Die bewusste Aufmerksamkeit geht verloren, außer man hat klare Träume.

Nidra ist nicht mit Yoga nidra zu verwechseln. In Yoga nidra scheint der Körper zu schlafen. Treten ruhigere Geisteszustände auf, zeigt sich das im Körper durch tiefere Entspannung. Die Aufmerksamkeit gegenüber der äußeren Welt nimmt ab, die gegenüber der inneren Welt erhöht sich jedoch.

Jeder Gedanke hat eine Wirkung auf das Nervensystem und das Gehirn. Gedanken, die immer wieder auftreten, wirken stärker auf den Körper als seltene Gedanken. Das ähnelt den ersten Schritten auf einem unklaren Weg, der sich erst im weiteren Verlauf schließlich als klarer Weg herausbildet, auf dem es sich dann leichter gehen lässt. In ähnlicher weise hinterlassen Gedanken, die sich wiederholen, geistige Spuren oder geistige Abdrücke, die es dem gleichen Denkprozess ermöglichen, automatischer, leichter und widerstandsloser zu werden. Angespannte Denkmuster spiegeln sich in Körper wieder, so als habe der geistige Vorgang tiefe Wurzeln im ganzen Körper.

Gute Gedanken erzeugen gute Reaktionen, negative Gedanken entziehen Energie aufgrund übermäßiger Spannung. Mit der Zeit führt das zu vorzeitigem altern des Körpers, zur Schwächung des Immunsystems und zu verschiedenen Stadien des Schmerzes. Diese ungünstige Ausrichtung der Energie ist die Grundlage physischer, emotionale und geistiger Probleme. Deshalb ist die Fähigkeit, Spannungen zu erkennen und zu lösen essenziell, um den Fluss der Lebensenergie zu erhalten.

Die Art, wie man auf unterschiedliche Erfahrungen auf dem Lebensweg reagiert, bestimmt das Ausmaß der erzeugten Spannung. Werden Stress und Spannung gespürt, sollte man sich die Zeit nehmen, in Yoga nidra zu ruhen, das ja auch eine unabhängig von der Yoga asana Praxis ausgeführte Praxis sein kann. Den Tag mit Yoga nidra zu beginnen und zu beenden, erhöht in großartiger Weise die Fähigkeit, entspannt zu bleiben. Mit der Vertiefung von Yoga nidra gewinnt man Fertigkeiten, Spannungen leicht zu erkennen und aufzulösen, um in einen entspannten Zustand zurückzukehren.

Yoga nidra erzielt, wie alle Yogapraktiken, seine besten Resultate in der kumulativen Kraft regelmäßiger Praxis. Regelmäßiges Üben befreit von Energie raubender Spannung, die das Leben auf von Anfang bis Ende zur Plage werden lässt. Yoga Achtsamkeit ist nicht etwas, das man an oder abschalten sollte. Vielleicht geht der Fokus am Anfang manchmal verloren, vertieft sich jedoch die Praxis, ist das Wesen von Yoga nidra dauerhaft präsent.

Mit den verschiedenen Ebenen von Yoga nidra, von der Freude an Yoga nidra nach der Yoga asana Praxis bis hin zur Freude eines entspannteren Lebens, findet sie ihren letztendlichen Ausdruck darin, eine tiefere Ebene der Meditation zu erreichen. Zahlreiche wissenschaftliche Tests haben erfolgreich nachgewiesen das Yoga nidra sich direkt auf die Gehirnzellen auswirkt. Yoga nidra als kraftvolles Mittel der Meditation einzusetzen, sorgt sowohl für die Kontrolle, die nötig ist, die drei Bewusstseinszustände: Wachen, Träumen und Tiefschlaf wahrzunehmen, als auch für den Übergang von diesen geistigen Zuständen in turiya, das Überbewusstsein. Auf diesem Wege, von shavasana bis  zur Befreiung (mukti), fließt die Lebensenergie und das Bewusstsein bleibt ewig frei.

Forscher in Köln fanden heraus, dass Yoga nidra eine ausgleichendere Wirkung auf das Individuum hatte als Entspannungstechniken, die sich auf Suggestion oder Hypnose stützten. Während yoga nidra waren Alphawellen ganzen Gehirn gegenwärtig, während sie bei anderen Entspannungstechniken nur in bestimmten Bereichen auftraten. Die Alphawellen blieben auch während der gesamten Zeitdauer von Yoga nidra konstant, während sie bei den anderen Entspannungstechniken kamen und gingen. Der Ausgleich zwischen den beiden Gehirnhälften war beim EEG in Yoga nidra besser, was bedeutet, dass die beiden Gehirnhälften besser miteinander kommunizierten.